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' Beitfchtift für | Politik, Literatur und Kunft

Berausgegeben von Georg Cleinow ?5. Dabrgang Jährlich 52 Mefte

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Pr. 1

Revolutionäre Strömungen in Rußland . . . . ; | Die gefchichtliche Betrahhtung der vergangenen PEN und

des gegenwärtigen Krieges. Don Dr. Hans Boldfhmidt . 15 Staatenbund von Hordeuropa. Don Juftizrat Bamberger . . 25 Dolfsmärchen der Bulgaren. Don Profellor Dr. Robert Pet . 28

Husgegeben am 5. Januar 1916

co Pi. Berlin DM. II 6 Mark

das Heft vierteljährlich

| DEUTSCHE BANK

BERLIN W.8.

Aktienkapital und Reserven 428 500 000 Mark. Dividenden im letzten Jahrzehnt (1905— 1914): 12, 12,12, 12, 121/,, 121/,, 12%/,, 121/45 121/,, 10 %/

FILIALEN: Aachen, Barmen, Bremen, Brüssel, Crefeld, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Köln, Konstantinopel, Leipzig, London, München, Nürnberg, Saarbrücken.

Zwelgstellen: Augsburg, Berncastel-Cues, Bielefeld, Bocholt, Bonn, Chemnitz, | Coblenz, Cronenberg, Darmstadt, M.-Gladbach, Hagen, Hamm, Hanau, Köln-Mülheim, Meissen, Neheim, Neuss, Offenbach a. M., Paderborn, Remscheid, Rheydt, Solingen, Trier, Wiesbaden.

Depositenkassen:

Bergedorf, Deuben, Goch, Idar, Langerfeld, Lippstadt, Moers, Opladen, Potsdam, Radeberg, Ronsdorf, Schlebusch, Schwelm, Soest, Spandau, Vegesack, Velbert, Wald, Warburg.

Eröffnung von laufenden Rechnungen. Depositen- und Scheckverkehr. An- und Verkauf von Wechseln und Schecks auf alle bedeutenderen Plätze des In- und Auslandes. Einziehung von Wechseln und Verschiffungs- dokumenten auf alle überseeischen Plätze von irgendwelcher Bedeutung. Rembours-Akzept gegen überseeische Warenbezüge. Bevorschussung von Warenverschiffungen. Vermittelung von Börsengeschäften an in- und aus- ländischen Börsen, sowie Gewährung von Vorschüssen gegen Unterlagen. Versicherung von Wertpapieren gegen Kursverlust im Falle der Auslosung. Aufbewahrung und Verwaltung von Wertpapieren.

Die} Deutsche Bank ist mit ihren sämtlichen Niederlassungen amtliche Annahmestelle von Zahlungen für Inhaber von Scheck- Konten bei dem K. K. Oesterreichischen Postsparcassen-Amt.

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Die Grenzboten

75. Jahrgang. Erftes Dierteljahr

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Die

Hrenzboten

Seitfchrift für Politif, Literatur und Hunft

Herausgeber

| Georg Lleinow

75. Jahrgang

Erftes Dierteljahr

Berlin Derlag der Brenzboten G. m. b. h. 1916

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Inhaltsverzeichnis

Sabrgang 1916.

Erftes Vierteljahr

—te

Heft Seite

Politik, Geſchichte, Kolonialweſen, Militãr

A olitit, Die Mißgriffe der engliſchen —, n Beitrag zur engliſchen wrachianmiriſe

* Dr. &. Bue 11, Amerilaniſchen, De Mast des Vrändenten, von sJelig Bauman 11, Andrany, Graf Sulins und bie ungar iſche Orientpolitik, von S 9, China. Die amerikaniſche Organiſation in 7, Deutſche Kultur im engitigen Spiegel. von Richard Kilian . . 7, England, Die Dienftpflicht in —, b, ——— Die Mißgriffe der "Agrarpolitif, n Beitrag zur englijhen Beaptraumitıe, von Dr. ®. Buek . 11, Frankreich, a 5 Nainer in _, von Brof. Dr. Rar J. W 2, Frankreich, Wie ne _ iu Bot "Botfringen, und dem Elia? von Brof. Stanfe . 5, —— Dr. Srit Sriebride" des ®roßen, Die Orientzolint —, von Dr. Selma Etem . . . . 12, Gallieni, von Rudolf Wagner . . 6, Geſchichtliche Die Betrachtung der ver⸗ genaenın Ssriedenszeit und des gegenwärtigen iege3, von Dr. Hand Goldihmidt . . . 1, se und der englifche En aftetrieg. 6, —— Der Gedanke, von Dr. Kari —— Die franzöflie —, vonDr. Grit i oepfe h Japan, Grokfürft Georg Dicaitomitie in. —, (Rach der ruffiſchen Preſſe) .. KRoalitiondfrieg . 10, Die eſchichiliche Beirachtung der ver⸗ ——— riedenszeit und des gegen— wärtigen —, von Dr. Hand a 1, Kriegdtagebu g. . 4,125; 9, Das: —, von Srieb: 5 ri & ; Montenegro, König Nikola von und feine Bolitik, von Spirtdion Gopcevic . . 6, Das a der Krieg, von Prof. Dr. Sonrab Bornhal. . 8, Naumann oder Barth? von Bach. Dr. Bil: beim Martin Beder . . 12, Reutralen, Der beigiiche Boltsfrieg im Untet der —, Eine neutrale PBolemil . . 8, u

ur

321 344

274 193

201 139

Heft Seite BVferderennen, Zur Retorm der —, von Be neraleutnant H. Rohre . . ‚107 Pitirim, Metropolit von Petersburg. : . 13, 385 Nuffiicher Brief, fiche Auf dem toten Bunt . 5, 129 Rußland, ſiehe Pitirim. 385 Rußland, Revolutionäre Strömungen in —, 1, 1 Salonifi, von Prof. Dr. Mar I. ® 7, 218 Schiedegerihtsbund, Ein vor⸗ deraſiatiſcher von Dr. Rarl Mehrmann. 4, 97 Schweiz, Die Stellung der neutralen zu Deutichland im WWelifriege, von Prof. Dr. Zohanned Wendland . . 8, 86 Staatenbund von ——— von Juſligrai 1, 25 Yuanſchikai, ſiehe Der neue Sohn des Himmels, von Erih von Salzmann . . . „4, 101; 5, 144 Bolkswirtſchaft, Verwaltung, Sozialweſen Beſteuerung, Die Ausgleichung der Familien⸗ laſten als Grundlage einer gerechten —, von Staatsanwalt A. ai r . 10, 304 Bevöllerungsfrage, fiehe Die Ausgleihung der Samilienlaften al® Grundlage einer ge: a ENG von onen A. Zeil 10, 304 Eieftrotechnit, Sriebensziele der —, von Ober: ingenieur Lajo8 Steiner . . 23, 4 Hanbelsitaat, Der geihloffene Fichtes, von Prof. hir Conrad Borndal . 11, 230 Kinderarbeit, Gewerblidde —, Eli Beitrag aus Bevölferungdfrage, von Dr. Bue 7, 209 Kriegsanleihe, Merlkblatt zur Bieten —, 11, 348 Ktriegsanleihe und Bonifikationen .. 10, 320 Oſtpreutzens, Der Wiederauſbau als wirt⸗ fchaftepolitifches und fulturelled Siedlungs> problem, von Baurat Kurt Hager. . 13, 391 Unternehmeridaft, Der Weltkrieg uns die Rage der in Europa, von Heinrih Göhring . 9, 266 Neigtöfragen, Bildung und Erziehung, Kircde Zinden, Einiged vom —, don Geh. Juftizrat R. Bruns. 2 2, 311 Kriminalität. Kritiiches zur Kriegs⸗ —dei Ju oo von Umtsriter Dr. Albert de 11, 338 ——— "Phantofien eines Englän: ders, von Prof. Abert Werminghoff 3, 65

Heft Seite

a, als Patriot, von Benrnoralte: rof.

Böitertehte, De —— des —, von Biol

Dr. jur. Iulius iriedrid . . . . .

Kulturgeſchichtliches, Länder⸗, Böller⸗ und Sprachenkunde

Hagion Oros, ie heilige von

farrer Edmund Are Mordredt, Bom ber 'D rigkeit, von 5. bon Puttkamerrr.. er nen Pannen Elawiidhe im Brandenburgifchen, von Dr. Suflav Rauter . . » 2: 2.2. 6 a Bon der entien —, von Dr va au er ®. . . . . ® ®

Literatur, Kuuft, Bhilofopfie

Architefturfiubiums, Bom Rulurnent des —, von Dr. R. Shadt ; Bulgaren, Boliömärden ber —, von Prof Dr. Robert Belich Be Der eihloffene Sandeisfiant xof. Dr. Conrad Bo Yör aaenfen, Johannes al Der belgifche u im Urteil der Reutzalen“ in Set) von Dr. RL. Cöfler . . 2 2 2 2 0 0. Ts er ———— der —, von Dr. War ed ;

von

Boltbmär en ber Bulgaren, Don Bel Dr. Nobert Petih . Be at

Novellen, Romane, Gebiäte

fiegerlied, von Werner zn: garen . . » ärlifche Neiler, von No Ley .... Pioniere, von Werner Peter Larſen.

Bücherbeiprecdhungen

Ein „B” anftelle der Eeitenzahl bebeutet: Bücherlifte im Anzeigenteil bes betr. Heftes.

v. After: Einführung in bie Piychologie (Dr. Mar —— J Bartſch, R.H.: Das deutfche Bolt in ſchwerer iehe „Rayman oder Bartih 7” (Prof. Beveridge, Albert S.: What is back of the war (Dr. jur. Kurt Eb. Inıb ere) : Bloder, Eduard: Belgiihe Neu ralität und Schmwelzeriihe Neutralität (Prof. Dr. Jo» banned Wendland) -. . » 2 2 2.0. Die Schweiz als Berföhnerin und Ber» mittlerin ben Das und Deutid- land Brof, Dr, Johannes Wendland) . . Boat, Roman: Der europälfhe Strieg und unter jhweizer Krieg (Prof. Dr. Johannes Bendland) . > 2 u m ren v. Brauer, arge, v. Müller: Erinnerungen an Bismard (*) . 2 2 2 2 re ran Braunsbaufen: Einführung indie ek (Dr. Ma Rn uhl) Brodhaus, & ze e ftädtifche Kunkt und ihr Sinn (Dr. R. n ur zer, —* er aunſigechichte B eflin, en Eid» und Mittelamerifa un dem wirtfchaftlihen —— e des Welt⸗ es (Dr. jur. Kurt Ed. Imberqg) Sea. Srancid: La guerre qui vient (Dr. jur. Kurt &. Imbagı. . o 2.2.2. . Der Lufitania-Fal im Urteile von beutichen Gelehrten (Dr. jur. Kurt Ed. Imberg) . . Dr. Aloys: Ludwig Gteub Endres Kranz Karl: Die Türkei . Erin, Dr. Sohannes: Die europäifche Union als Bedingung und Grundlage bed dauernden riedend (Prof. Dr. Johannes Wendland) oriehläge zu einem baldigen und bauernden Srieden rl Dr. Johannes Wendland) .

10, 310 6, 167

B, 43 13, 404 8, 74 8, 246

13, 408 1, 38 11, 330

12, 388 8, 250

124 159 6, 192

S

Nm

12, 353 4, 120

8, 85

2, 40

18, 416 8, 260 18, 412 18, 412

4, 122 4, 119 4, 121 . 10, 818 B, B

VI

Heft Seite alte, Konrad: Der Ihmeiserifäe Kulturwille (®rof. Dr. 3 —a Wendland 2, 42 rankl, Paul: Die ——— der neueren Vaukunſt (Dr. R. Schacht 18, 410 Grabowsly, Dr. Adolf: Die polniiche Trage (Dr. Earl Jentih) - » oo 2 0000. 13, 414 Buglia, Eugen: Die Geburts-, Sterbe- und tabftätten der zömifch-deutfchen Raifer und Könige (Dito Hof). - » 2 2 2 nen 2, 58 Herner. Brof. Dr. Beinrich: Die wirtſchaftliche Annaͤherung zwiſchen dem Deutſchen Reiche u. ſeinen Verbündeien (Dr. H. v. 12, 878 Sftel, Edgar: Die moderne Oper, vom Tode Wagners biß zum Weltkrieg (Dr. Richard Se Tat er 9, 278 J ——— Johannes: „Glocke Roland“ Der belgiſche Bolfätrieg im Urteil Neutralen . . 8, 282 Karte der Rang efan jenenlager vom Sur. paͤiſchen und en Buhl abe 2, B san Bernbard: Der Krieg im Weiten (Hanns Martin Eifier u 2, 62 Korg, Brof. Rarl: Die Deutiehfeinbittet Amerilas Dr jur. Kurt &b. Imberg) 4, 119 Br sig Führer vu ben Ronzertjonl r —— Hohenemſer). 9 80 "Teigtiäe Un —2* ung fr den ge ichen Unte an eren ulen r. W. Cape 8, 255 5— Ru ol; Simerite während bes Welt. friege3 (Dr. jur. mberg) . 4, 118 Bestien, Augıf: Balfanmärden ( rof. Dr. Robert Verf 1, 38 Zonis, Hubert ie deutfche Mufit ber Ren zeit (Dr. Riard Hohenemier) . ı 9,2778 Maıds und Lenz: Das Bismard-Jahr (*) . 13, 415 Marcıte, Dr. Baul: Die Bantreform in den Vereinigten Staaten von Ame (Dr. jur. Kurt Ed. Imberg) » oo 200 4, 1%3 Reuter, Ehriftian: Der Lufltania-Fal (Dr. jur. Kurt &b. Imberg). » » 2... 4, 122 Meyer, Eduard: Rordamerita ei Deutſch⸗ land (Dr. jur. Kurt Ed. Imber 4, 117 Möller van ben Brud: Der Drenkiiche Stil (Dr. R. Schadt) . 13, 411 Muünfterberg, Hugo: The Peace and America (Dr. jur. Kurt Ed. Imb B. 4, 116 -- The War and America (Dr. fur. Kurt Ed. Imbergh... % 4, 115 Naumann, Fr.: „Witteleuropa, fiede Naumann oder Bartih ?* (Prof. Dr. ®. M. Beder) . 12, 853 Oldenberg, a Die Lehre ber pa» nübhaden und die Anfänge des Bubdhismus (Rarl Ad. Biellerup). . - » 2 2 0 0. 2, 8 Onden, Hermann: Deutſchlands Weltkrieg und die Deutihamerilaner (Dr. jur. Kurt €b. Imbergh... m 4, 118 Theodor Hermann: Aus den In⸗ gen nbjahren eines alten Kurländers (Hannd artin a ee ee rel 2, 61 Paterſon, W Deutſche Kultur (Richard Killani). - = 00 a nn ne 7, 901 Planiscig, Leo: Denimale ber u. in den . füblihen Kriegsgebieten (Dr. R. Shadt) . 18, 412 Planta, Baudenz von: Die Schwei a —8 Dr. Johannes Wenb⸗ Monat, Vrof.: ur nationalen Berftändigung a Einigfeit Brof. Dr. yayanın Wend⸗ ar. Arnold von: Die Neutralität der Schweiz Dr: Dr. Johannes Wendland 9, 87 Abhandlungen und Aufl ge & ——— Paul: naee Weltkriegs⸗ ronit (Sch) ...- .. 13, 416 Schweizeriſches Komitee zum Studium der Grundlagen eines dauerhaften fyriedendver- trages: Die Grundlagen eines dauerhaften —— (Prof. Dr. Johannes endlandd.. 8, W Eiern, William: Pſychologie Be frühen Rind» heit (Dr. War Levy - Buhl) een. 8B 4

—-

VII

Heft Eeite

iedrich: Schwediſche Stimmen

en Robert & S.: "Der beutich « englilche Krieg im Urteil eines Amerifaners (Dr. jur. Kurt Eb. Imberg)

Bilder, Prof. Eber Wir Schwei er, unfere Neutralität und der Krieg ( or Dr. 30» hannes Wendland) .

Bolbehr, Th.: Bau en) Leben der bildenden Ku ‘Dr. R. Scha

Bantel, Alfred: He elifche Kirchenbau u Beginn bes zwangigfien Dr. R. Schadt) i

Wehberg, Hans: Die "amerilanifd en Waffen: und WRunitiondlieferungen an Gegner (Dr. jur. Kurt &b. Imberg) .

Bernie, aul: Gedanken eines Deutic- Echmeizers (Brof. Dr. Johannes Wenbdi )

Bir Schweizer, unlere Reutralität und ber Krieg 6 Prof. Dr. Iohannes Wendland) .

Witlop, Philipp: Heidelberg und bie deutiche Dichtung (Ernſt Ludwig ee)

Bolf, Reonbatd: S. Sebaſtian Bachs schen» Iantaten (Dr. Richard Hohenemfer) .

Mitarbeiter-Berzeicgnis Bamberger, Juftigrat: Staatenbund von Nogp- :- euro a . . = . . . . . . . . . . . Felix: Die Macht des amerikaniſchen Praͤfidenten Beder, Prof. BR Wilpelm Martin: Naumann

oder Bart „Ybhandhungen und Nuffäge“,

Boehm, Dr.: von Mar Scele

Bornhal, Brof. Dr. Conrad: : Das Nationalitäts« prinzip und der Krieg ;

Der geichlofiene Sandeistiant Fichtes

Bruns, Geh. Juſtizrat K.: Einiges voin Finden —— Dr. aa: Der internationale Ge-

Bueg, Dr. ®.: Die Mitzoriffe der englife en Agrarpolitil, Ein Peek aus englifchen Frachtraumkriſe.

Gewerbliche Kinderarbeit. Bevölterungdfra e

J. Graf Zulius Andraff ſy und die

ö erreihiich,ungartide Drientpolitit . .

Eapelle, Dr. ®.: „Duellenfammlung für den geſchichtlichen Unterricht an höheren Schulen“, herausg. von G. Lambeck, F. Kurze und

. Rühlmann ..

Elſt ter, Hanns Martin: „Aus ben Jugendjahren eines alten Nurländers“, von Theodor Her» mann PBanteniuß .

„Der Krieg im Welten“, don Bernhard _ Rellermann ;

Franle, Prof. Dr. Gatl: Wie iam Frantreich au Lothringen und dem Elfab? .

Briedrid, Prot. Dr. jur. Julius: Die ? Zukunft des Bölterrehtd .

Gjellerup, Karl Ad.: ‚Die "Lehre der, Upa- nifhaden und bie Anfänge des Buddhisſsmus“, von Hermann Oldenberg

Goͤhring, Heinrich: Der Weltfrieg und die Lage der nternehmerichaft in Europa . .

Boldfhmidt, Dr. Hand: Die geihichtliche Ber tradtung ber vergangenen Griedensgeit und bes gegenwärtigen Krieges .

Gopcevic, Spiribion: König Ritole von n Ronte negro und feine Bolttit. . .

Ein Beitrag zut

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23

Heit Seite

Hager. Baurat Kurt: Der Wiederaufbau Dit- preußens alß wirtichaftspolitifhes und fıl-

turelle8 Siegesproblen . 13, 391 Hellwig, Amtsridter Dr. Albert: Kritiſches zut en der Ju a 0. 11, 338 SHohenemfer, Dr. aa: eue Bücher über ufik —— 9, 278 Imberg. Dr. jur. Kurt Ed.: Rriegsliteratur V. 4, 116 Sentih, Dr. E.: „Die polnifche Trage“ von Dr. Adorf Sraboweh 13, 414 Kiliani, Richard: Kultur im englifcien Spiegel . 7, 21 Pfarrer Edmund: Der heili e Ber 8, 93 Sangermann, Dr. 9. v.: „Die meet Annäherung zwühen dem Deutichen Rei und feinen Berbündeten“, berausg. von Prof. Dr. Heinrid Hertner . 12, 878 Rarien, Werner Meter: "Sliegerlied 4, 124 Bioniere . 6, 192 a —— Dr. Mar: Richtungen der Einer , Hoberid: "Märtifche Reiter... . 6, 169 & ler, Dr. &.: Sohannes Dörgenien . . . 12, 883 Mehrmann, Dr. Karl: Ein mitteleuropäifch- vorderafiatiiher Schiedsgerihtäbund . . . 4 97 Mottel, Zriedrih: Das annihaftd-Rriegs- 3 2, bB Petſch, Prof. Dr Robert: vollsmaͤrchen der Bulgaren . 1, W Port, rieda: „Ludwig Steub* von Dr. Aloyt Dreyer. . 10, 819 v. —X Bom Mordrecht der Obrigkeit 18, 404 Rauter, Dr. Buftav: Slawiſche ——— Vrandenburgiſchen .. 8, 74 Von der deutſchen Schrift , Noepte, Dr. Zrig: Die franzöfifche Inter nationale . 9, 37 —— Generalleutnant z. D. 5. Zus Reform ber Pferderennen . . 4, 107 —— Erich von: Der neue Sobn bes ımmels . 01; DB, 144 = „Slufirierte Weltfriegschronit“ von Saul U enbah . 13, 416 Chad, Dr. R.: Bom Kulturwert des Archi⸗ telturftubiums (Sammelberidt). . 13, 408 Schellenberg, Ernit Ludwig: „Heidelberg und die deutihe Dichtung“, von hilipp Witlop 2. 63 Simon, Konfiftorialrat Prof. r.: Edleier: mader ald Patriot . . 10, 310 Steiner, Oberingenieur Lajos: Friedentziele der Elekirotechnik .. 2, 47 Stern, Dr. Selma: Die Erienipotitit Griedrice des Grosen. 12, 360 Waguer, —W Gaͤllieni 6, 180 Yserdland, Prof. Dr. Johannes: Die ‚Stellung der neutralen Ehweiz zu zeutiglane in Sselllciege . 2, 97, 3, 85 Werminghof, Prof. Dr. Aibert: "Nalionalfird« Iihe Thartaften eined Engländer . . 8, 66 Rolf, Prof. Dr. Dar neuen Männer in Branfreid) ; 2, 33 - Ealmii . . 7, 218 Heiler, Staatsanwalt .: Die Ausgleihung der Familienlaſten als Grundlage einer ge> rechten ah: 10, 304 Bo, Otto: „Die Ge hurtös, Eterbe- und Grab: ftätten der Römifc) » deutichen Kalle und Könige“, von Eugen Guglia. . 2, 68 „Das herausg. von Grid "Mards und Mar el... 13, 416 * Erinnerungen an Bismard“, geraung. von .d. Brauer, Erid Mards und Rider 13, 416

oo

Revolutionäre Strömungen in Rußland

13 Diallalow, der damalige ruffifhe Minister des Innern, ein | 13 eleganter noch jugendlicher Mann, defjen gut gepflegte Hände in

WR geihmadlofer Weile mit Loftbaren Ringen bededt waren, an jenem 24. $uli 1914, als die ruffiihe Mobilmacdjung beichloffen 2 wurde, vom Minifterpräfidenten gefragt ward, ob er dafür garantiere, daß im Falle eines Krieges das Volk ruhig bleiben würde, ant- wortete er mit einem zuverfichtlihen „ja”. Diefes „ja“, das die Ereigniffe fpäter rechtfertigten, hat fjehr viel zu den Entichlüffen der ruffiihen Staat$- lenter in jenen entjeheidenden Stunden mit beigetragen.

Maklakow glaubte, daß die Konfolidierungsarbeit, die Stolypin begonnen hatte, bei den Bauern weit genug fortgefchritten war, um jede Möglichkeit von Unruhen zu verhindern. Zudem war e8 den Bauern zulegt gut gegangen. Mehrere Ernten waren glänzend gemwefen. Das Dorf war fatt und, wenn man ihm den Alfohol nähme, fo würde die Nüchternheit zur Ruhe zwingen und die Mobilijation glatt vonftatten gehen. Die Streifls in Petersburg feien ziemlid) beendet, man habe einige NRädelsführer erfhoffen, andere nah Gibirien transportiert, im übrigen werde die panflaviftifche dee des Krieges für die Brudernation, für die Befreiung der unterdrüdten flavifchen Völker, für bie Abjhüttelung des teutonifchen Yoches auch beim niederen Volke, felbjt bei ben Sozialiften wirfen. Wenn der Krieg fiegreich fein werde, fo würde er zugleich eine glänzende Gelegenheit zur Befeftigung des reaftionären Negimes bieten, dba3 war der Nebengedanfe der inneren Politiker, die für den Krieg ftimmten. Und dafür ftimmten fie alle. Nur Krimofchein, dem e8 mit der Agrarreform ernft war und der als Folge eines europäifchen Krieges die wirtfchaftliche Rüdentwidlung Rußlands vor Augen fah, befannte fi) offen als Gegner bes Krieges.

Orenzboten I 1916 1

" Bevolutiondee Steömungen in Aufland

| Mallakow hatte zunaͤchſt recht. Er ahnte in dieſer erſten Periode des Krieges nicht, daß er ſelbſt eines ſeiner Opfer ſein würde. ——— ſchelnende ruffifhe Zeitung „Sozialbemotrat“ beicjreibt diefe Periode, unmittelbar nad) einfegte, folgendermaßen:

„Ausbruch des Patrlotismus des fehwargen Hundert. Die ganze Bourgeotfie bis zur liberalften hinunter geht in das Felblager ber Be- wunberer ber garifhen Bande über. Die Prefle, die Tribüne der Duma, die Schule, der Altar alles wird in Gang gefekt, um in ber Tiefe Nuplands, im fernen, bunleln, zerilagenen Dorfe den Betrug vom ‚Befreiungstriege‘ des Zarismus populär zu machen, um bie Arbeiter, die Bauern, bie Mafle der erwerbenden Klafie in ben Stäbten mit

Chauvinismus zu vergiften. Alles ehrlie, alles, was der lange der

Revolution treu geblieben war, war an Händen und Fühen gebunden. Das Land war duch bie Ketten des Belagerungszuftandes gefeflelt. Broteft gegen ben Krieg erhebt fi) nur in den Reihen der Arbeiterflaffe. Der Tühne Borlämpfer der Arbeiter, die ruffilde Tozialbemofratiiche Arbeiterfraltion, wurde gefangen genommen und in das Gefängnis geſetzt.“

Man erinnert ſich auch in Deutſchland dieſes Vorgehens der ruſſiſchen Polizei gegen die funf ſozialiſtiſchen Dumaabgeordneten, die man gegen jedes Geſetz und gegen die Verfaſſung gefangen genommen hatte. Sie wurden nach kurzem Prozeß nach Sibirien verbannt und noch heute ſind ſie da, ohne daß es den Bemuhungen ihrer Fraktionsgenoſſen gelungen wäre, ihr Los erheblich zu beſſern. Es lag in der Abſicht der Regierung, die Arbeitermaſſen, die noch in den größeren Städten zurückgeblieben waren, unter allen Umſtänden unſchädlich zu machen und zu desorientieren. Das konnte man am beſten durch Bejeitigung ihrer Führer.

An die ruffiihe Revolution beim Ausbruch eines Krieges hatte man wohl nur in Deutichland in manchen Kreifen geglaubt und zwar in denen, die Ruß⸗ land gegenüber ftetS vorgefaßte Meinungen gehabt, fich aber zugleich als be- fondere Kenner der rujfiihen Berhältniffe ausgegeben hatten. Die Drien- tierung unferee Qagesprefie über ruſſtſche Berhältnifie war mangelhaft. Mit Ausnahme von zwei, drei wirklich deutjchen und Tompetenten Auslands torrejpondenten wurden unfere Zeitungen über ruffifhe AZuftände von durdhaus zweifelhaften Quellen bedient. Auf diefe von ben amtlichen Streifen ftetS bedauerte Mangelbaftigleit unferer journaliftifchen Auslandsvertretungen muß in diefem Zufammenhange einmal hingewiefen werden. Es gebt nicht on, dag man für alle grundlofen Einbildungen unferes Publitums immer wieder die Diplomatie verantwortlich madt. Möchte auch bier der Krieg einen Wandel bringen. E8 war ja Har, daß eine Revolution in Rußland bei Krieg8- beginn nicht ausbredden Tonnte. Wer hätte fie denn machen follen? Bon ben Arbeitern babe ich Ion gefprodden. Das Dorf war durd) mehrere glänzende

Revolutionäre Strömungen in Rußland g

Graten, befrtebigt und die Agrarreforn tm beften Zuge; die ruſſiſche Bour⸗ geoifie verbieute duch die überreiche Befruchtung bes Landes mit beutfdhem Gelde, das der ſoviel geſchmähte Handelsvertrag ben Nuffen gebradjt hatte, ſo glänzend, daß ſte ſchon halb auf dem Wege war, ſich mit den beſtehenden Buftänden auszuföhnen, jedenfalls aber volle Bereitſchaft zeigte, wie ein Gimpel auf den Leim zu gehen und der nationaliſtiſchen Politik der Regierung blind- lings zu folgen.

Die erſte Phaſe des Krieges brachte alſo nicht nur keine Revolution, ſondern die Arbeiter, die in Rußland immer revolutionäre Tendenzen gehabt haben, wurden teils durch die panſlaviſtiſche Agitation, teils durch Terrorismus und die Drohung mit dem Standgericht in die der Regierung genehme Haltung gebracht.

Es lam die zweite Phaſe des Krieges für Rußland, die der, Sozialdemokrat“ wie folgt charalteriſiert:

„Siege der zariſchen Armeen in Galizien. Ein noch größerer Aus⸗ bruch des Schwarzhundert⸗Chauvinismus. Die Bande des ſchwarzen Hundert feiert ihre Orgien nicht nur innerhalb Rußlands, ſie beraubt, ſfie zerſtört, ſie erwürgt die Bevöllerung Galiziens. Die Bourgeoiſie ſchwelgt im Vorgeſchmack der Gewinne, die ihren Taſchen mit der Ein⸗ nahme der Dardanellen zufließen würden, was wie es ſchien eine Frage der naͤchſten Zukunft ſein würde. Der Liberalismus faällt noch demon⸗ ſtrativer vor dem Zarenthron auf die Knie. Die Demokratie ſchweigt. Die Kontrerevolution wũtet mit noch größerem Zynismus.“

Auch während dieſer Zeit konnte natürlich von irgend welchen revolutionären oder Arbeiterbewegungen nicht die Rede ſein. Im Gegenteil, wir ſehen, wie ſogar die größten Feinde des Zarismus, Leute mit ausgeſprochen revolutionärer Bergangenheit, verſeucht von den Ideen der Ententepreſſe, die Deutſchland als den internationalen realtionaͤren Popanz, als Feind jeden Fortſchritts hinſtellt, den imperialiſtiſchen ruſfiſchen Regierungsideen verfallen. Vera Fiegner und Burzew ſind gute Beiſpiele für dieſe Strömung. Sie kehren aus ihrem Pariſer Aſyl zurück, um fi) dem Vaterlande zur Verfügung zu ſtellen, ohne die wirk⸗ lichen Tendenzen der zariſchen Regierung zu erkennen, die den Heimgelehrten in den ruſſtſchen Gefängniffen und in Sibirien einen warmen Empfang bereitete. In Paris gab es eine Menge revolutionärer Ruſſen, die zwar nicht heim⸗ kehrten, aber ſich der franzöſiſchen Regierung halb gezwungen halb freiwillig zur Verfügung ſtellten. Von den unmenſchlichen Leiden, denen ſie in der franzöfiſchen Fremdenlegion unterworfen wurden, legt eine Veröffentlichung der ruſſiſchen Emigrantenkolonie Zeugnis ab. Wo fie nicht im Schutzengraben⸗ kampfe den Tod fanden, da bereitete ihnen die Kugel der franzöfiſchen Freunde den Untergang. Bugende von den ruffifchen Freiwilligen find von franzöfifchen Standgerichten wegen angeblicher disziplinarifcher Vergebungen ohne eigentlichen Ürtellsfprudd zum Tode des Erſchießens beitimmt und hingerichtet worden. 1*

:4 "Redoltitionäre Strömmmgen in Rußland

Mit“einem iromifhen Hechrufe auf die franzöfiihe Yreiheit auf das “Ybol, für :das fie als Ndealiften in den Kampf gegangen waren, ftarben bie beberzteften diefer Enttäufchten unter den franzöfiien Kugeln. Der Appell an das franzöfiide Parlament, den ihre Brüder in Paris verfaßten, verhallte ohne Cho, weil e8 die Zenjur des freibeitliden Srankreich fo für gut hielt. Wie hätte au) das Belanntwerden dieſes Proteftes zu dem Phrafenfhwall von dem edlen Kriege des freiheitlichen und demofratiichen Frankreich und Englands gepaßt! Begreifen aber fann man ben Schreden und ben Abicheu, der bie legten no in Paris zurüdgebliebenen rufflihen revolutionären Emigranten -erfaßte, al der Abgeorbnete Galli in der Barifer Munizipalität den Antrag einreichte, daß alle in Frankreich lebenten Untertanen der Allierten Franfreichs entweder nad) ihrem SHeimatlande abgejchoben oder zum Dienfte in der franzöfifden Fremdenlegion gezwungen werden follten. Das Betfpiel von Burzew, von W. ©. Dchotsli, der nah NRukland zurüdgelehrt wegen eines neun Jahre zurüdliegenden politiichen Vergehens in das Ismailowſche Ge⸗ fängnisS geworfen wurde, das von Germanow-Morofom, ber troß feiner Propagandatätigfeit für die Regierung zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt ward, und das 208 ihrer Genoffen in der franzöfiiden Fremdenlegion ſchwebte vor aller Augen. Unter bem Drude der ruffihen Botfchaft in Paris hatte man in Frankrei die Scham verloren, das Bündnis bis zur Nachahmung der ruffiihen Regierungsmethoden zu treiben. Nur wenige einfichtige Franzofen, 3. ®. der Philologe Meillet hatten es offen auszufpredhen gewagt, daß bie innere ruffifhe Politit „eine Duelle für die moralifhe und materielle Schwäche ber Allierten Rußlands bedeute.“

Das dritte Stadium bes Krieges brachte die ungeheuere Ummälzung nicht nur der äußeren Sriegslage, fondern des inneren ruffiihen Lebens. Es fällt Lemberg und Przemysl, e8 fallen die ruffifchen Feftungen. Die Völlerwanderung der Flüchtlinge beginnt. ch zitiere wieder den „Soztaldemofrat“ :

„Die Reaktion verliert den Kopf. Es beginnen SYntrigen zwifchen einzelnen einflußreichen Kliquen der Krtegspartei. „Das Vaterland tft in Gefahr". ES erfolgt „die Mobilifation der Imduftrie” und die Mobili- fation der Kräfte der Gefelihhaft . .. . Kongrefie, Neben, Refolutionen, Zelegramme, Komitees, Deputationen. Gutfhloff tft faft Diktator, Miljuloff und Schingarioff faft Minifter.“

Die Regierung, die zuerit die Zügel der Regierung am Boden fchleifen läßt, mat eine zeitlang Miene, dem empörten VBollswillen nadhzugeben. Einige Minifter werben entlaffen, Kommifflonen „zur Verteidigung des Landes“ und zur Organifierung besfelben eingefebt, in denen Leute der Gejellihaft mit Bürofraten zufammen tätig find. Diefe Herrlichleit dauert aber nicht ange. @3 beginnt der Kampf der Regierung mit den Gutfchfoff und Lwoff. Die Duma wird aufgelöfl. Dem Blod der Linken, der fid) gebildet hatte, find in Goremylin und EChmoftom zielbewuhte Gegner entitanden. Yn diefem dritten

Revolutionäre Strömungen in Rußland

Stadium des Krieges beginnen ſofort Bewegungen unter den Arbeitern. Vom März ab ſehen wir faſt in jedem Monat große Streiks der Arbeiter in den Induſtriezentren. In Petersburg findet im April ein Sympathieſtreik zum Gedachtnis de Lengereigniſſe ſtatt, im Mai ſtreilen 856000 Arbeiter, im Juni ſetzt der Streik der Metallarbeiter ein. Juni und Juli ſind die beiden Monate, da die Streilbemwegung im ganzen Reihe am umfangreichften tft, und teilweife ausgeiprodhen regierungsfeindlicden Charakter annimmt.

Die Streits der Tertilarbeiter in Koftroma im Junt haben zu ber be- fannten SInterpellation in der Duma geführt (Dumaverhandlungen vom 8./21. Auguft). In ihrem Verlauf waren Zufammenftöße zwifchen der Polizei und den Arbeitern vorgelommen, die zur Erfchießung von ungefähr 1.4 Arbeitern und zur Verwundung einer Menge anderer führten. Maffenarrefte folgten. Wie die Ereigniffe von Koftroma auf das ruffiiche Volk wirkten, davon gibt bie Mebe des ertrem reiten Abgeordneten, Grafen W. A. Bobrinsy, aus Anla& der damaligen Snterpellation einen guten Eindrud:

„Dan flägt uns eine Ynterpellation über die traurigen Ereigniffe vor, die vor mehr als zwei Monaten paffierten. Die Regierung hat Zeit genug gehabt, alles aufzullären und fi auf eine Antwort für heute vorzubereiten. Über biefes traurige Ereignis hat man fchon öffentlich in Moskau auf ‚dem Kongreß gefproden. Die Regierung follte keinen Zweifel darüber haben, fie follte verjtehen, daß die Ereigniffe in Koft- oma einen traurigen Widerhal in ganz Rußland finden und viele erregen. Sie follte hier erfcheinen und uns erflären, weldhe Umftände es notwendig machten, auf die Menge zu fchießen, und, wenn foldhe nicht vorhanden waren, welde Ihaßregeln zur Beftrafung der Schuldigen er- griffen find. Statt defien bat es die Regierung, von ihrem formalen Redhte Gebraud) machend, nit einmal für nötig gehalten, hier zu er- feinen. Schlecht verfteht die Regierung ihre Pflichten in ber gegen- wärtigen fhweren Minute, wenn fie fi) auf ihr formelles Recht ftübend, biefem Ereignis gegenüber teilnahmsIos verhält.”

Koftroma findet bald Nachfolger in Mostau und Imano Wofnefjenst. Genaue Nachrichten über diefe Streil3 haben wir nicht. Wenn man ber ruffi- fihen foztaliftifchen Preffe trauen darf, gab es bei den Moslauer Unruhen im uni 20 Tote und Verwundete, in Iwano Woſneſſensk im Juli 100 Tote und 40 Verwundete. Der lebtere Streit fcheint politiihen Charakter gehabt zu baben. Nach den Berichten der fozialiftifchen Zeitungen ift man mit Tahnen unter Abfingen revolutionärer Lieder umbergezogen und bat die Zofung ausgegeben: „Fort mit der Regierung, allgemeine Amnejtie etc.“

Damit fcheint aber auch die Streifbewegung ihren Höhepunkt erreicht zu haben, ohne daß fie allerding3 ganz abgeflaut hat. Denn in Petersburg haben wir wieder Proteftitreil8 gegen das Urteil von Ywano Woinefjenst. Eine größere Streifmelle gebt ferner bei der Auflöfung der Duma duch Land.

6 Revolutionäre Strömungen in Rußland

Nah dem „Spzialdemoktat” ftreilten in Petersburg 150 000 Arbeiter, in Kifhny 25 000, „große Streils fanden ferner ftatt in Eharlow, Moslau und Jelaterinoslaw.“

Zur Zeit hören wir nichts von Streils oder von offener Auflehnung der Arbeitermaſſen gegen die Regierung. Der Kampf iſt jetzt auf ein anderes Gebiet übertragen: auf das Gebiet der Organiſation.

Ich muß hier etwas weiter ausholen, um bdiefe Phafe verftändlich zu maden. Die ruffiide Sozialdemokratie, die im Bergleich zur wefteuropäifchen verhältnismäßig jungen Datums ift, ift nicht feitgefügt. Ste befiht zunächſt feine Sefamtorganifation, die fi über das ganze eich erftredt, fondern in der Art der Drganifation, die gewiffermaßen einer möglichen biftoriichen Ent- widlung vorauseilt, fpiegelt fie den Nationalitätendharafter des ruffihden Reiches wieder. Ta gibt es, ganz abgefehen von der volllommen betfeite ftehenden finnifden Soztaldemofratie und den Sozialtevolutionären, eine polnifche, eine ufrainifche, eine Laufafifche, eine lettifche, eine jüdiiche ſozialiſtiſche Dr⸗ gantjation, die alle volllommen felbjtändig find und felbftändig handeln. Die polniſche und jũdiſche DOrganifation fpielt in diefem Kriege feine befondere Nolle mehr, da ihr Wirkungskreis hauptſächlich die vom deutſchen Heere beſetzten Gebiete waren. Die Fraktion der Trudowili mit Kerensky an der Spitze, die auch in gewiſſer Weiſe Arbeiterintereſſen vertritt, iſt organiſatoriſch von der Fraktion der Tſcheidze und Tſchenkeli in der Duma geſchieden. In der Fraktion ſelbſt iſt keine Einheit vorhanden, es haben ſich dort ſchon vor Beginn des Krieges ähnlich wie früher in unſerer Sozialdemokratie zwei Tendenzen heraus⸗ gebildet, die ſogenannten Maximaliſten (Bolſchewili) und die Minimaliſten (Menſchewiki, Liquidatoren), die letzteren unſern Reviſioniſten vergleichbar. Außerdem ſpielen in der ruſſichen Sozialdemokratie auch die Emigranten, die in Paris, New York, Genf ſitzen, und in denen zum Teil gerade die Intelligenz des ruſſichen Sozialismus verkörpert iſt, eine Rolle.

Es iſt außerordentlich ſchwer, aus dieſen verſchiedenen Gruppen und Einflüſſen fich ein klares Bild über die Tendenzen zu machen, die im gegen⸗ wärtigen Augenblick die ruſſiſche Arbeiterſchaft erfüllen, noch dazu, im Zeitalter der ſtrengen ruſfiſchen Zenſur, beſonders da dieſe Tendenzen keineswegs ſich über das ganze Reich erſtrecken, ſondern in jedem Induſtriezentrum ganz ver- ſchieden find.

Wir wiſſen ſelbſt nicht genau, wie ſich die Dumafraktion zum Kriege ſtellt. Es iſt jedem, der ſich mit den Verhältniſſen des ruſſiſchen Sozialismus nach dem Kriege beſchäftigt hat, belannt, daß ſich unter der Einwirkung der Kriegsereigniſſe zwei extreme Richtungen im ruſſiſchen Sozialismus bildeten, die aber nicht ſo ernſt genommen werden ſollten, wie man es bei uns ge—⸗ wöhnlich tut. Es find das die Porafhenzy, eine Gruppe um Lenin herum, die in der Niederlage (porashénie) des Vaterlandes das Heil des ruſſiſchen Sozialismus fieht, alſo alles zu fördern ſucht, was dieſe Niederlage herbei⸗

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führen Tönnte*). Ahnen fteben gegenüber die Dboröncy, die für die Bere teidigung des Baterlandes (oboröna) unter allen Umftänden ihre Dtithilfe nicht verweigern wollen. Die Anwälte und geiftigen Führer bdiefer Gruppe find ebenfalls Emigranten, hauptfähli Plehanow, Alerinffy in Paris und Deutfch in New York. Burzem, der nad langem Hin und Her begnadigt worden ift und dem man den Aufenthalt in Petersburg geftattet Hat, wird man jeht wohl ebenfalls zu diejfer Gruppe rechnen dürfen, wenn er nicht von der ruffifchen Dchrana gewonnen ift.

3b möchte zuerft von Pledanom ein paar Worte fagen. Das von ihm zufammen mit Bjelouffiow, Alerinsty, Frl. Deutih, Yda Arelrod und anderen herausgegebene Manifeft vom 10. September 1915 ift befannt. Es ift in vollem Wortlaute abgedrudt in der von Alerinsiy in Paris herausgegebenen Zeitung „Rossija i Swaböda“ (La Russie et la Liberte) Nr. 3 und wird Nummer für Nummer in der von Plehanom neugegründeten Zeitung „Prisyw“ (l’Appel) erläutert und popularifiert. Don feinen Urhebern wird es als ein grundlegender Beihluß der beiden Parteien der ruffiiden Sozialdemokraten und der ruffifhen Soztalrevolutionäre bezeichnet und als folder von der ruffifchen und Ententeprefie wiedergegeben. Das ift falih. Die Partfer Emigranten batten feine Autorifatton, für die Parteien zu fprehen. Das Manifeft ift denn au) fofort von der Auslandsgruppe der rufftiden Sozialrevolutionäre (3. R. P.S.NR = BZentrallomitee der Partei der Sozialrevolutionäre) abgelehnt worden. Der ablehnende Beihhluß ift abgedrudt in Nr. 25 (87) der in Genf eriheinenden Wochenichrift Shisnj (La Vie), die fih in ihrem Leitartifel für die Revolution sans phrase ausfpridt. Auch die in Paris erfcheinende „Nashe Slowo“ (Notre Parole) bat fi gegen Plehanow geäußert.)

Plechanows Gedanlengang tjt etwa folgender: „Wenn Deutichland ger winnt, wird Rußland eine ungeheuere Staatsfhuld haben, Deutichland mird eine gewaltige Kriegstontribution fordern und Rupland wird Deutjchland äfo- nomif) tributpflichtig fein. Uber weiter. Das alte Dreifatferbündnis wird von nenem wiebererfiehen und es wird ber Hort ber Reaktion werben. Der ruffifde Arbeiter wird die Folgen davon fomwohl ölonomifh mie politifch tragen müfjen, „denn Rußland gehört nicht dem Zaren, fondern dem arbeitenden ruffiihen Volle. Wenn das Boll Rukland verteidigt, fo verteidigt es fich felbft und die Sadıe feiner Befreiung“. Man fage, daß Maklakow und Schtſcheglowitow bereit gemwefjen feien, den Frieden mit Deutfhhland zu fehliefen. „Wenn das nit wahr ift, jo tft e8 gut erfunden, denn eine Niederlage Deutichlands wäre die Niederlage des den Reaktionären jo teueren monardiichen Prinzips”. eder revolutionäre Putfch arbeitet dem äußeren Feinde in die Hände, tft alfo Verrat am Baterlande. 3 ift die Pflicht jedes Arbeitervertreters, „nad Möglichkeit an der Arbeit nicht nur der fpeziellen technifhen Drganifationen für die Be-

*) Ihre Devife ift: porashenie mensheje zlo, die Niederlage ift da& Fleinere Üibel.

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durfniſſe der Armee (Kriegsinduſtriekomitee u. a.) teilzunehmen, ſondern auch an allen anderen Organiſationen geſellſchaftlichen und politiſchen Charakters“, vor allem an der Duma. „Die Lage iſt ſo, daß wir zur Freiheit nicht anders als durch das Mittel der nationalen Selbſtverteidigung kommen können“.

Man fieht, welche Rolle in dieſem Manifeſte der alte Wahn ſpielt, daß Deutſchland die Stütze und der Hort der Realtion in Europa iſt. Es iſt das ein Glaube, der nicht nur dem ganzen liberalen, ſondern auch dem ſozialiſtiſchen und revolutionären Rußland eingeimpft iſt. Das Geſpenſt des Separatfriedens mit Deutſchland, den die beſitzenden Klaſſen im Falle des Überwiegens der Richtung der Poraſchenzy auf Koſten der Arbeiterklaſſe angeblich zu ſchließen beabſichtigen, iſt eines der Schreckmittel, die in jeder Nummer des Priſyw der Arbeiterllaſſe vorgehalten werden.

Das Manifeſt des Plechanows haͤtte ſicherlich in Rußland einen noch größeren Eindruck auf die Arbeiterſchaft machen müſſen, wenn die entgegen⸗ geſetzte Richtung, näͤmlich die des Lenin, die es kritiſierte, einen ausgeſprochenen Anhang gehabt hätte. Denn die Umſtände für das Manifeſt waren außer⸗ ordentlich günſtig. Rußland war ein Land, in das der Feind eingefallen war, das jetzt nicht mehr einen Angriffs⸗, ſondern einen Verteidigungskrieg führte. Wie viel leichter war es, die Geſichtspunkte des Manifeſtes den Arbeiterklaſſen deutlich zu machen als damals, da die zariſchen Waffen noch ſiegreich waren? Und die Leninſche Richtung, die ausdrücklich auf die Niederlage der ruſſiſchen Waffen hinarbeitet, hat gewiß etwas Unnatürliches das ſich gut widerlegen ließ. So einfach aber lagen die Verhältniſſe denn doch nicht.

Zunächſt wurde von den Arbeitern alles, was zur Zuſammenarbeit mit der Regierung aufmunterte, mit doppeltem Mißtrauen begrüßt, je realtionaͤrer die Regierung der Chwoſtow und Goremylin wurde, und je näher eine andere Moͤglichkeit rückte, naͤmlich die, doch noch einmal mit der Bourgeoiſie für eine zweite ruſſiſche Revolution gegen die Regierung zuſammen zu arbeiten. Je größer nämlich die Spannung zwiſchen Regierung und Bourgoiſie wurde, um fo wichtiger wurde es, bereit zu ſein für alle Fälle. So war vielfach die Stimmung.

Einen ſolchen Stimmungen am beſten entſprechenden mittleren Standpunkt weder für die Poraſchenzy noch für die Oboronzy hatten bisher ſchon manche maßgebenden ſozialiſtiſchen Vereinigungen in Rußland eingenommen, wobei natürli auch der Gefichtspunkt der Parteitaltik eine große Rolle ſpielte. Die Menſchewikli hatten immer die Loſung ausgegeben, daß die ruſſiſche Ar- beiterpartei aufhören müſſe, ſich durch Hazardſtreils zu entnerven und der Regierung nur Waffen in die Hand zu geben, daß vielmehr die Lage der Arbeiterſchaft eine opportuniſtiſche Politik erfordere.

Das Verhalten der Dumafraktion zu den beiden Extremen iſt nicht ganz klar. Es ſcheint aber, daß ſie zunächſt noch Plechanow gegenüber eine ab⸗ lehnende Rolle einnimmt, da noch nicht vor allzu langer Zeit der Deputierte

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Manjtom wegen äbnlicher been aus der Dumafraltion ausgefchloffen worden ift, daß aber doch Tendenzen in ihr vorhanden find, die fih Plehanomws Leit- fügen nähern. Die Haltung der paar Fraltionsmitglieder hat aber lange nicht die Bedeutung wie bei ung. Es kommt in Rußland auf die Haltung der Arbeiter, der Gruppen und Drganifationen, in denen fie zufammengefaßt find, felbft an. Dabei ift Yolgendes zu bemerken.

Das Drganifationstomitee der ruffifchen Sozialdemokratie (D.8.S.D.R.B.), die Vertretung des Menfchewili au Dfiften genannt —, die immer einen Iiquidatorif den opportuntftiiden Standpunft verfolgt haben, tft mit einer eigenen VBroflamation aufgetreten, fie ift in der vom auswärtigen Seltetariat heraus- gegebenen Zeitfehrift „Die Internationale und der Krieg" abgedrudt und be ginnt mit den Worten:

„Senofien! Im Feuer des Weltkrieges, das unfer Land ergriffen hat, find alle widerlichen Eiterbeulen unferes aftattfhen Regimes offen zu Tage getreten... . . Das alte Regime, das mit feiner Bebrüdung ganz Rukland verfendit bat, bringt Zerjebung und Tod mit fi .

Hit es nicht ein verräterifher Stoß in den Rüden, wenn im Moment

der Kriegsgefahr die Regierung die Armee und die dunflen Maflen auf ganze Nationalitäten bett und einen Teil der Armee gegen den anderen mobil madt? Wie fol man e8 anders nennen, wenn im Augenblid, wo die Geihide des Landes entfchieden werden, wo die Anfpannung aller Energie nötig ift, die Regierung das Land an Händen und Yüben feffelt? Der ärgfte Feind Nuplands Tönnte nichts fchlimmeres für das

Land erfinden als die Goremylinfhe Regierung.“

Sodann folgt ein Abriß der Zätigfeit der Regierung gegen die Juden, eine Beichreibung der Greigniffe von Koftroma und Iwano Wofnefjenst, der Urteile der Feldgerichte und der bürgerlichen Gerichte gegen die Arbeiterflaffe. &3 wird aud) bier der Abficht der reaftionären Klaffen gedacht, einen Separat- frieden zu fchließen. Dann heißt e8 weiter:

„Das Land ift am Rande des Abgrunds! Seine Errettung fordert vor allem den Sturz der gegenwärtigen Regierung. rn der fi) vorbe- reitenden Revolution foll das Proletariat den Plat der Avantgarde der Demokratie einnehmen. Der Sturz der zarifhen